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Kolping

- Die Anfänge (1895 - 1918)

Textauszüge aus der Festschrift "100 Jahre Kolpingsfamilie Gundelsheim" zum Jubiläum 1995

Ein Kaplan lässt sich überreden

Die Vereinsgeschichte beginnt mit ein paar Handwerksgesellen, die dem Pfarrer auf die Nerven gehen. Sie wollen in Gundelsheim einen Gesellenverein nach dem Vorbild Adolph Kolpings gründen und brauchen dazu die Zustimmung und Unterstützung des Ortsgeistlichen: der Pfarrer sollte ihr Präses - ihr Vorsitzender - sein.

Die jungen Burschen hatten in der Zeit der beruflichen Wanderschaft in zahlreichen Städten die katholischen Gesellenvereine und deren Gesellenhäuser kennengelernt, waren mit dem dort herrschenden Geist und damit selbstverständlich auch mit den Ideen und Zielen Kolpings - des Gesellenvaters - vertraut geworden. Sie konnten auch auf ähnliche Vereinsgründungen in der näheren Umgebung hinweisen: auf Neckarsulm zum Beispiel, wo bereits 1868 ein Gesellenverein gegründet worden war, und auf Mosbach.

Stadtpfarrer Josef Schiemer wich aus und vertröstete. Er sei als Präses zu alt, sie sollten abwarten, bis die vakante Kaplanstelle wieder besetzt sei. Der neue Kaplaneiverweser Wilhelm Meffert kam im August 1895 an - endlich, aber auch er war nicht sonderlich von dem Vorhaben angetan, "teils mit Rücksicht auf seine Gesundheit, ... teils weil er sich nicht überzeugen konnte, dass ein solcher Verein notwendig sei". Schließlich wurde er überredet - und er versprach, die Leitung des noch zu gründenden Vereins zu übernehmen.

Sah so der Anfang aus? Junge Leute mit einer Idee und voll Tatendran, auf der anderen Seite ein bequemer Pfarrer mit einem verständnislosen Kaplan? - Ein solches Urteil wäre vorschnell und ungerecht. Kaplan Meffert war tatsächlich gesundheitlich angeschlagen. Wenige Monate nach Dienstantritt in Gundelsheim musster er bereits einen mehrwöchigen Urlaub nehmen, gleichzeitig suchte er um eine leichtere Stelle nach. Diese hat er kaum vier Jahre inne und stirbt im Alter von 30 Jahren.

Stadtpfarrer Schiemer wollte aus Altersgründen nicht Präses werden. Dabei galt er als recht "reiselustig" und war zu der Zeit, als die Gesellen bei ihm vorsprachen, sicherlich kein müder Greis. Der gebürtige Kochertürner stand im Alter von 54 Jahren, davon hatte er 26 in Gundelsheim zugebracht, zunächst als Kaplan und seit zehn Jahren als Stadtpfarrer. Dieses Amt sollte er auch noch weitere zehn Jahre ausfüllen. Als "Priester voll heiligen Ernstes und von tadelloser Moral", wie ihn der Nachfolger, Stadtpfarrer Dettinger, beurteilt hat. Schiemer dürfte besser als die Gesellen eine Vorstellung davon gehabt haben, was von einem Gesellenvereinspräses erwartet wurde. Möglich, dass er es sich nicht zutraute, diese Position im Sinne Kolpings ausfüllen zu können.

Hoffnungsvoller Anfang

Die Versammlung zur offiziellen Gründung des Katholischen Gesellenvereins Gundelsheim fand am 18. 08.1895 statt: "im Saale der Witwe Gätschenberger", d. h. in der damaligen Gaststätte Zur Sonne in der Schlossstraße. Zum Präses wurde vereinbarungsgemäß der neue Kaplaneiverweser Wilhelm Meffert gewählt, zum Vicepräses Stadtpfarrer Schiemer, zum Gesangsdirigenten Lehrer Stahl,  zum Kassier Schuhmacher Karl Mundel. "Auch wurden sofort die Ausschüsse aus den Gesellen wie Ehrenmitgliedern gebildet", überliefert uns die Gründungsniederschrift, "die Stelle eines Senior mit Friedrich Wengert (besetzt), der sich um das Zustandekommen des Vereins besonders verdient gemacht hatte, sowie die Stellen der Ordner." 

Verständlicherweise wollte sich die junge Vereinsführung nicht der "stillen Grundsteinlegung" im Saal der Witwe Gätschenberger zufrieden geben. Ein großes Gründungsfest mit kirchlicher und weltlicher Feier wurde vorbereitet und auch die benachbarten Gesellenvereine Mosbach, Neckarsulm und Heilbronn eingeladen. Am 06.10.1895 schließlich, "am Tage der Rosenkranzkönigin", konnte es "in schönster Weise" gefeiert werden. Ein im Vereinsarchiv erhalten gebliebener Bericht lässt ahnen, wie beeindruckend das Ereignis damals für die Gundelsheimer Bevölkerung gewesen sein mag:

"Die kirchliche Feier bestand in der vom Bruder des Präses, Kaplan Dr. theol. Franz Meffert, gehaltenen Festpredigt (Christentum und Arbeit) sowie in einem levitierten von Stadtpfarrer Schiemer unter Assistenz von Pfarrverweser Anton (Bachenau) und Kaplaneiverweser Meffert celebrierten Hochamt. Das Festessen fand im Vereinslokal mit zahlreichen Gedecken statt. Bei demselben toastete der Präses auf H. Stadtpfr. Schiemer und Stadtschultheiß Fischer, welche beide (sich) um das Zustandekommen des Vereins verdient gemacht hatten. Stadtschulth. Fischer begrüßte sodann den Verein im Namen der Gemeinde und gab der Hoffnung Ausdruck, dass der Verein sich für dieselbe segensreich erweisen werde. Nach der feierlichen Rosenkranzandacht ging es im Festzug, an dem sich wie am Morgen die Gundelsheimer Gesangsvereine sowie die 3 auswärtigen Vereine beteiligten, in das Festlokal "Württemberger Hof", dessen Räumlichkeiten sich jedoch als viel zu klein erwiesen."

Nach erneuter Aufzählung der Toaste, Redner und Darbietungen beschließt der Chronist seinen Bericht mit den Worten: "Das Fest verlief so auf das schönste. Die ganze Bevölkerung nahm - wie die herrliche Beflaggung bewies - an demselben Anteil." Und unter dem nachwirkenden Eindruck des Tages beschloss die Vereinsführung, das Rosenkranzfest künftig alljährlich auch als Stiftungsfest zu feiern.

Die ersten Mitglieder

Die Mitglieder des jungen und hoffnungsfrohen Gesellenvereins kamen in erster Linie aus Gundelsheim und Böttingen. So ist es nicht verwunderlich, wenn sich in der Mitgliederzusammensetzung des Vereins auch die Gewerbe- und Berufsstruktur beider Orte widerspiegelt. Gleich im Gründungsjahr sind 42 aktive Mitglieder - also Gesellen - dem Katholischen Gesellenverein Gundelsheim beigetreten: nicht weniger als 16 davon waren Zigarrenmacher und 8 Schuhmacher. Weiter waren vertreten: Küfer (3), Gipser (2), Schmiede (2) und jeweils ein Flaschner, Gerber, Sattler, Steinhauer, Zimmermann, Schreiner, Bäcker, Schneider, Maurer sowie ein Arbeiter.

Die sogenannten passiven Mitglieder oder Ehrenmitglieder wiesen schon ein breiteres Spektrum auf: hier sind neben den bereits genannten Professionen auch die Wirte (5) sowie die Bauern und Weingärtner (11) aufgeführt, dazu ein Fabrikant, ein Wachtmeister, der Stadtpfleger, zwei Lehrer und der Stadtpfarrer.

Im fünften Jahr nach der Gründung war der Verein bereits bei 112 Mitgliedern angelant, das ist eine im Vergleich zur Einwohnerzahl (Gundelsheim: ca. 1300, Böttingen ca. 330) beachtliche Stärke. Sie konnte bis zum 1. Weltkrieg im Wesentlichen konstant gehalten werden, obwohl gerade bei den aktiven Mitgliedern - bedingt durch die berufsübliche "Walz" - die Fluktuation groß war. Als Ehrenmitglicher gehörten um die Jahrhundertwende immerhin 39 von insgesamt 55 katholischen Meistern dem neuen Gesellenverein an.

Abwechslungsreiches Vereinsleben: Geselligkeit - Religion - Bildung

Im wöchentlichen Turnus, zeitweise auch alle 14 Tage, jeweils am Sonntagabend von acht bis zehn traf man sich zu den Versammlungen. In der Regel sprach der Präses über ein Thema seiner Wahl, oft auch über aktuelle Tagesfragen. Im Vereinsjahr 1900 z. B. behandelte der die Verantwortung des Mannes in Kirche, Gemeinde und Staat, die Gebiete Familie, Gesellenverein, Kolping, Sparsamkeit und Ordnung wurden diskutiert, aber auch Themen wie Alkohol, Presse oder Vereinsmeierei. Viel Anklang fanden auch Reiseberichte und -erlebnisse. Dem eher beklemmenden ersten Versammlungsteil folgte zumeist der gesellige Ausklang mit Gesang, Gedichtvortrag und anderen humorvollen Darbietungen der Mitglieder. In neuerer Zeit kamen noch Brettspiele und Binokel- oder Skatrunden hinzu.

Es war selbstverständlich, dass durchziehende Kolpingsbrüder auf Wanderschaft unentgeltlich beherbergt wurden und auch ein kleines Zehrgeld erhielten. Diese Hilfe auf Gegenseitigkeit war bis etwa 1933 üblich.

Höhepunkte im Vereinsleben bildeten das jährliche Stiftungsfest und die Teilnahme an der Fronleichnamsprozession mit Musikkapelle und Fahne. "Dank opferfreudiger Begeisterung" war eine stattliche Vereinsfahne beschafft und am 03.07.1898 geweiht worden, an "ein(em) Fest- und Freudentag ersten Ranges".

Verbindlich für die Mitglieder war auch der gemeinsame Kommuniongang mit vorheriger Beichte zu Weihnachten, Ostern, Pfingsten und am Rosenkranzfest. Ausflüge und Wanderungen in die Umgebung mit gemeinsamer Einkehr waren besonders beliebte Unternehmungen, oftmals richtige Familienereignisse.

Weihnachten, Neujahr, Dreikönig oder Fastnacht waren meistens die Theaterspielzeiten des Gesellenvereins bzw. der späteren Kolpingsfamilie Gundelsheim. Bis 1970 wurde nahezu jährlich Theater gespielt, unterbrochen nur von den Jahren der beiden Weltkriege.

Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 erlahmte die Vereinsarbeit rasch, denn die meisten jungen Männer waren eingezogen worden. Und als 1918 die Waffen endlich schwiegen, hatte der Gesellenverein zwanzig seiner Mitglieder zu beklagen.