06.03.2016

Wie dieser Vater ist Gott zu uns

Worte des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum 4. Fastensonntag

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Ein Sohn, gerade erwachsen geworden, packt seine Sachen und geht. Ist dieser Sohn vielleicht zu verstehen? Da ist ein Vater, der ist nicht arm. Er hat einen großen Hof. Ein ganzes Leben könnte der Sohn hier in Wohlstand verbringen. Aber er weiß: Niemals wird er etwas zu sagen haben. Denn: er ist nur der kleine, der jüngere, der zweite Sohn. Der ältere übernimmt den Hof. Das steht jetzt schon fest. Und der ältere benimmt sich auch schon so. Immer hat er das große Wort. Vor allem dann, wenn der Vater einmal nicht da ist. Dann kommandiert er den anderen herum. Für den Jüngeren ist mit seinem 18. Geburtstag klar: "Das mache ich nicht mehr länger mit." Er träumt von einem Leben in Freiheit. Wo er selbst bestimmen kann, was er zu tun oder zu lassen hat. Er ist jung, er hat Ideen. Deshalb lässt er sich seinen Anteil am Erbe auszahlen. Er will sich aus den Bindungen lösen, aus der Enge des Bauernhofes. Er sieht es ganz klar vor sich: Eines Tages wird er zurückkehren, die Taschen voller Geld. Und dann werden sein Vater und sein Bruder erkennen, was alles in ihm steckte.

Doch schon bald wird klar: Der jüngere Sohn ist eine große Enttäuschung - vor allem für sich selbst. Keinen seiner Träume setzt er um. Der junge Mann kommt mit der Fülle der ihm angebotenen Freiheiten nicht zurecht. Er lässt sich verführen, hört auf falsche Freunde. Er lässt sich treiben, lebt oberflächlich. Erst als er ganz unten angekommen ist, fängt er an, über sich selbst nachzudenken. Hoch anzurechnen ist ihm, dass er am Tiefpunkt seines Lebens, als er auch das letzte Ideal verkauft hatte, Format zeigt. Er sucht die Schuld nicht bei anderen. Er klagt nicht über seine Erziehung, die ihn auf das Leben nicht vorbereitet habe, er schimpft nicht auf die krankmachenden Strukturen, deren Opfer er geworden sei. Nein, der Sohn weiß: Die Verantwortung für mein Leben liegt bei mir selbst. Er sagt: "Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt! Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein!"

Ja, es zeugt von Mut, mit diesem Satz im Gepäck und mit dieser Erkenntnis im Herzen den Weg zurück zum Vater anzutreten. Diese Umkehr ist ein Bußgang: Nichts kann der Sohn vorweisen, so ganz anders wird der Sohn vor den Vater treten, als er es sich erhofft hatte - nicht mit den Taschen voller Geld, als gemachter Mann, sondern als Landstreicher, stinkend und zerlumpt. Der Sohn kehrt zurück, um sich dem Vater anzuvertrauen - gegen alle Vernunft, gegen alle Hoffnung. Er hat alles falsch gemacht. Und er ist bereit, die Konsequenzen zu tragen.

Auf das, was passiert, als er dem Vater dann wirklich gegenübersteht, ist der Rückkehrer nicht gefasst. Der Vater brüllt nicht: "Ach, da ist ja unser Nichtsnutz wieder! Na, bist du auf die Nase gefallen? Dein Bruder und ich, wir haben's ja schon immer gewusst. Du bist ein Versager. Ja, geh du nur zu den Stallburschen, da gehörst du hin! Aber merk dir: Meinen Namen trägst du von heute an nicht mehr - ich kenne dich nicht mehr!" Mit solchen Worten hatte der Sohn gerechnet. Aber nicht damit, dass der Vater anfängt zu weinen. Sein Vater war immer stark. Nie hatte er geweint. Und jetzt laufen ihm die Tränen. Er lässt den Sohn gar nicht ausreden! Im Nu hat er ihm die stinkenden Kleider vom Leib gelöst, bald hat der Heimkehrer ein Festgewand an. Er darf den Namen des Vaters tragen, ja, er bekommt den Siegelring, der ihn vor aller Welt als Erbe bestätigt. Es gibt ein Riesenfest, das Kalb, für besondere Gelegenheiten aufbewahrt – nun wird es geschlachtet.

Ja, die Beteiligten lernen in diesem Moment viel über sich und über den anderen. Was lernen Sie und vielleicht auch wir? Der heimkehrende Sohn lernt und begreift: Der Vater ist nicht nur stark und nicht nur streng. Der hat nicht nur seinen Besitz im Kopf. Dem geht es um mich. Es war ihm nicht egal, dass ich mich aus seiner Nähe entfernt habe. Er wollte niemals, dass die Beziehung zwischen uns abreißt. Ich war für ihn wie tot, und das hat er kaum verkraftet. Wenn ich doch früher gewusst hätte, dass hier, beim Vater, die Chance auf mich wartet, all das Verkorkste meines Weges zu überwinden! Wenn ich nur verstanden hätte, dass ich all das von mir werfen kann, weil mein Vater es mir abnimmt!

Auch der Vater lernt etwas: Der Sohn ist erwachsen geworden. Er hat die Fähigkeit bekommen, sich selbst ehrlich einzuschätzen, ohne sich etwas vorzulügen. Vorher war der Sohn schwach. Ein Träumer, ein Spinner. Nun ist der Sohn arm und zerschlagen und zerlumpt. Aber: Er kann die Wahrheit über sich selbst sehen und ertragen. Er weiß, was er von sich zu halten hat. Und deshalb ist er stark - stark genug, um seine Angewiesenheit auf den Vater zu akzeptieren.

Und noch ein Dritter lernt etwas: Der ältere Sohn. Und seine Lektion scheint am Ende die bitterste zu sein. Er lernt, dass er die Zuneigung des Vaters nicht exklusiv beanspruchen kann. Er verliert seine falsche Sicherheit, die stets auf Kosten der anderen ging. Von ihm wird gefordert, sich mitzufreuen. Dabei war er doch insgeheim froh gewesen, dass sich der jüngere Nebenbuhler um Vaters Gunst durch sein Verhalten selbst ins Abseits gestellt hatte! Alles schien allein für ihn da zu sein: Das Erbe, die Liebe des Vaters. Und nun sind die Rollen vertauscht: Der Heimkehrende wird umarmt, der Daheimgebliebene steht am Rand. Der vermeintliche Versager zeigt Größe in seiner Demut, und der daheimgebliebene Wohlanständige offenbart seinen Neid und seine Engherzigkeit.

Es ist wieder wie am Anfang – und doch ganz anders: Es gibt einen "guten" und einen "schlechten" Sohn. Allerdings sind die Zuschreibungen gegensätzlich zu denen, die vor den Augen der Welt gelten. Der Vater, der auf das Herz sieht, umarmt den Verlorenen und redet streng mit dem Daheimgebliebenen. Aber dieser Vater ist es auch, der es bei dieser Rollenzuschreibung nicht belassen will. So, wie er auf seinen Jüngsten zuging, baut er nun dem Älteren die Brücke. Dazu gibt er dem Älteren die Gewissheit zurück: Du bist mein lieber Sohn und bleibst es. Die Rückkehr des anderen nimmt dir nichts weg. Mein großes Geschenk an euch beide ist es, dass ihr von mir angenommen seid. Denn ihr seid beide meine Kinder! Wird der Ältere dieser Brücke trauen, die ihm gebaut ist?

Jesus sagt: So wie dieser Vater ist Gott zu uns Menschen, zu seinen Kindern. Dieser Vater wird uns loslassen, wenn wir meinen, wir wüssten selbst und ohne ihn sehr viel besser, was wir mit unseren Gaben, unserem äußeren und inneren Reichtum anfangen sollen. Und er wird uns zurechtweisen, wenn wir dem Irrtum verfallen, als wohlanständige Fromme ein einklagbares Recht auf seine Liebe zu haben. Kein Sünder ist so verloren, dass Gott auf sein Suchen nicht antworten würde, und kein Frommer ist so gerecht, dass er den Anspruch auf Gottes Gemeinschaft erwerben könnte. Der Maßstab von Gottes Gerechtigkeit ist irritierend. Unverdient begegnet uns seine Liebe, wenn wir die Nähe Gottes suchen. Sie erfordert keine Leistung, sie erfordert Mut.

Wir brauchen den Mut, in den Spiegel zu blicken, den Gott uns vorhält. Wir brauchen den Mut, jede eigene Sicherung sein zu lassen. Und wir brauchen den Mut, auf die Einladung Gottes zu vertrauen. Gott lädt uns an seinen Tisch als seine Kinder. Wir dürfen - als Sünder oder Frommer vor ihm gleichermaßen arm und bloß - von Gott allein alles erwarten. Auch heute.

Pfarrer Josef Holtkotte, Bundespräses des Kolpingwerkes Deutschland

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